SMS-Chat-Prozess

„SMS-Prozess“ wegen Befangenheit geplatzt

Das Landgericht Kiel hat nach annähernd 400 Hauptverhandlungstagen Ablehnungsgesuche der Verteidigung gegen ein Mitglied der 6. großen Strafkammer und einen Schöffen für begründet erklärt. Einer der Berufsrichter hatte während eines Zeitraumes von etwa 25 Minuten nach eigener Erklärung „zeitweilig in dienstlichen Unterlagen geblättert“.

Nach den erfolgreichen Ablehnungsgesuchen beider verbliebenen Angeklagten muss die Hauptverhandlung nun ausgesetzt werden. Damit hat ein unmögliches Verfahren endlich sein verdientes Ende gefunden. Dass nach so langer Verhandlungsdauer ein Ablehnungsgesuch erfolgreich ist, ist ein ganz außergewöhnlicher Vorgang, zumal wenn wie vorliegend die Mehrheit der mit dem Verfahren befassten Berufsrichter an dieser Entscheidung mitgewirkt hat.

Näheres siehe Presseerklärung Juli 2016.

Im siebten Jahr: SMS-Prozess läuft völlig aus dem Ruder

Der Kieler SMS-Prozess ist im September 2015 in sein siebtes (!) Jahr gegangen (zur Geschichte siehe weiter unten). Ein Ende ist nach wie vor nicht abzusehen. Zwischen dem 7. Januar und dem 30. Mai 2016 (fast fünf Monate lang!) wurde überhaupt nicht zur Sache verhandelt, weil verschiedene Beteiligte (ein Schöffe, zwei Angeklagte) erkrankt waren. Nach § 229 StPO darf eine Hauptverhandlung jedoch nur längstens drei Wochen bzw. einen Monat unterbrochen werden, im Falle einer Erkrankung auch bis zu längstens weiteren 6 Wochen. Es sind also jegliche Fristen für eine mögliche Unterbrechung der Hauptverhandlung bei weitem abgelaufen. Eine Aussetzung des Verfahrens wäre zwingend. Da die Kammer jedoch einfach weiter macht, liegt ein Rechtsfehler vor, der allerdings erst mit der Revision nach dem Urteil gerügt werden kann. Die Kammer mutet damit den Angeklagten zu, sich jetzt weiter (jahrelang?) einer vielleicht sinnlosen Verhandlung stellen zu müssen.

Doch damit nicht genug. Nachdem einer der Angeklagten fortlaufend ab dem 5. März erkrankt war, wurde dessen Verfahren abgetrennt. Dies bedeutet, dass entweder das bisherige Verfahren, soweit es sich gegen ihn richtet, als gescheitert angesehen wird, oder aber dass man darauf setzt, nach Wochen oder Monaten weiterer Beweisaufnahme in dem gegen die anderen beiden Angeklagten nun fortgeführten Verfahren beide Verfahren wieder zu verbinden. Eine Wiederverbindung würde – soweit sie von Rechts wegen überhaupt möglich ist – bedeuten, dass sämtliche Beweisaufnahmen aus der Zeit der getrennten Verfahrensführung wiederholt werden müssten. Dies würde dann die beiden anderen Angeklagten wie die jeweils gehörten Zeugen noch einmal doppelt belasten.

Anlässlich der Abtrennungsentscheidung hat der Partner Dr. Molkentin für den von ihm gemeinsam mit dem Partner Prof. Dr. Gubitz verteidigten Angeklagten ein Ablehnungsgesuch angebracht. Darin hat er u.a. Folgendes ausgeführt:

Der abgelehnte Vorsitzende hat in der heutigen Hauptverhandlung mitgeteilt, die Kammer sei bekanntlich der Auffassung, dass zur Wahrung der jeweiligen Unterbrechungsfristen eine Verhandlung über die Verhandlungsfähigkeit ausreiche. Zugleich sehe man aber auch, dass eine solche Behandlung des Verfahrens nicht unbegrenzt möglich sei. Diese Äußerung macht unmissverständlich deutlich, dass die Kammer sich der rechtlichen Angreifbarkeit auch ihres bisherigen Vorgehens durchaus bewusst ist. Andererseits wissen die abgelehnten Richter, dass eine Überprüfung und Korrektur nur in einem voraussichtlich erst nach Ablauf weiterer Jahre erfolgenden Revisionsverfahren möglich sein wird.

Die sich hieraus ergebende Zumutung (sich nach bereits sechseinhalb Jahren weitere Jahre lang einem absehbar nicht mehr zu rettenden Verfahren stellen zu müssen, das dann gegebenenfalls von Neuem beginnen würde) verschärfen die abgelehnten Richter für Herrn A. damit insofern, als sie – wie ebenfalls in der heutigen Hauptverhandlung durch den Vorsitzenden erklärt – beabsichtigen, die beiden heute getrennten Verfahren im Falle einer Genesung des Angeklagten W. in nicht allzu ferner Zukunft wieder zu verbinden.

Die in der Hauptverhandlung durch den abgelehnten Vorsitzenden bekundete Absicht, mit der Abtrennung eine für die weiteren Verfahrensbeteiligten (gemeint waren offenbar die anderen Angeklagten, insbesondere der jeweils aus Thailand anreisende Herr A., sowie die jeweiligen Zeugen, namentlich gegenwärtig die Zeugin P.) sich ergebende Zumutung zu beseitigen, verkehrt sich auf diese Weise in ihr Gegenteil. Die heute durchgeführte und für morgen geplante Vernehmung der Zeugin P., die weiter für den 14. Juni 2016 geplante Vernehmung des sicherlich nicht unwichtigen Zeugen B. sowie jedwede weitere Beweisaufnahme würde im Falle einer Wiederverbindung (sollte eine solche überhaupt rechtsfehlerfrei durchführbar sein) wiederholt werden müssen. Die Belastung für Mitangeklagte und Zeugen verdoppelt sich also noch.

Damit lassen die abgelehnten Richter auch aus Sicht eines verständigen An­geklagten erkennen, dass sie eine Fortführung des Verfahrens um jeden Preis anstreben. Bereits die fortgesetzte Nichtbeachtung der angesprochenen gesetz­lichen Regelungen für die möglicher Dauer einer Unterbrechung der Hauptverhandlung ist – jedenfalls nach den bereits eingetretenen Zeitabläufen – völlig abwegig (vgl. Meyer-Goßner/Schmidt, StPO, § 24 Rn. 14 m. w. Nachw.). Nun hat sich der heutige Wiedereintritt in die Beweisaufnahme mit einer wie geschildert noch einmal gesteigerten Zumutung verbunden. Diese Behandlung des Verfahrens ist unhaltbar und kann nicht erst nach Jahren auf die Revision des Herrn A. korrigiert werden. Herr A. hat mit dem heutigen Tag jeglichen Rest an Zutrauen in die Unvoreingenommenheit der abgelehnten Richter ver­loren.

Die Vertreterkammer hat dieses Ablehnungsgesuch zurückgewiesen. Zur Begründung wurde ausgeführt, dass zum einen der abgelehnte Vorsitzende eine mögliche Wiederverbindung in den Bereich „reiner Spekulation“ verwiesen habe. Zum anderen sei die höchstrichterliche Behandlung des im Verfahren erfolgten Umgangs mit den Unterbrechungsfristen noch offen und die Handlungsweise der Kammer damit nicht willkürlich oder abwegig.

Genau dies ist aber nach Überzeugung der Verteidigung der Fall. In seiner Stellungnahme zur dienstlichen Erklärung des abgelehnten Vorsitzenden hatte Rechtsanwalt Dr. Molkentin u.a. Folgendes ausgeführt:

Die seitens des abgelehnten Vorsitzenden in seiner dienstlichen Erklärung erneut (unter Hinweis auf die Entscheidung des 4. Strafsenats des BGH vom 16. Januar 2014) bekräftigte Rechtsauffassung, es reiche aus, immer wieder über die Frage der Verhandlungsfähigkeit bzw. einer Eigenmächtigkeit der Abwesenheit eines der Angeklagten zu verhandeln, dürfte im Revisionsverfahren erwartbar keine Bestätigung finden.

Die folgende Kommentierung im Karlsruher Kommentar (§ 229 StPO Rn. 6) konnte zwar noch nicht die Entscheidung aus dem Jahr 2014 berücksichtigen. Es sollte aber deutlich werden, dass diese mit einem einmaligen Ereignis in einem Hauptverhandlungstermin befasste Entscheidung zumindest vor dem Hintergrund der Zeitabläufe und Konstellationen im vorliegenden Verfahren kaum das letzte Wort sein dürfte (vgl. auch Meyer-Goßner § 229 Rn. 11, wo in den Folgeauflagen trotz Nachweises der Entscheidung aus 2014 weiter unten im Text die kritische Kommentierung stehengelassen wurde):

„Als für die Annahme einer Verhandlung zur Sache ausreichend ist dagegen bisher angesehen worden die Verhandlung zur Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten (BGHR StPO § 229 Abs. 1 Sachverhandlung 1; OLG Düsseldorf NStZ-RR 1997, 81, 82 = StV 1997, 282; aA LG Düsseldorf StV 1997, 284, 285 für den Fall, dass die Verhandlungsfähigkeit nicht festgestellt werden kann; vgl zu beiden Beschlüssen Zieschang StV 1997, 286; offen gelassen BGH NJW 2006, 3077; Becker LR Rn 11; Deiters SK StPO Rn 4; zw Eschelbach KMR Rn 32 und Meyer-Goßner Rn 11). Ausgehend von den Abgrenzungskriterien zur „substanziellen Verfahrensförderung“ in der neueren Rechtsprechung des 3. Strafsenats des BGH (BGH NStZ 2008, 115; BGH NStZ 2011, 532; BGH NStZ 2012, 343) schafft die Feststellung der Verhandlungsfähigkeit jedoch erst die notwendigen Voraussetzungen, damit an diesem Termin die Verhandlung überhaupt fortgesetzt werden kann; eine eigenständige Bedeutung für die Urteilsfindung wird man demnach verneinen müssen (BGH NStZ 2008, 115 am Beispiel der Pflichtverteidigerbestellung).“

Die Verteidigung ist überzeugt, dass selbst die von ihr kritisch gesehene, bislang vereinzelt gebliebene Entscheidung des BGH aus dem Jahr 2014 sich nicht auf das SMS-Verfahren mit (zunächst sechs, dann) drei Angeklagten und einer fast fünfmonatigen Unterbrechung der Beweisaufnahme übertragen lassen wird.

Wenn erst der BGH dem Verfahren nach Abschluss der ersten Instanz das verdiente Ende bereiten kann, werden weitere hunderttausende Euro ausgegeben und die Angeklagten weitere Jahre lang an einer ungestörten Berufsausübung gehindert worden sein.

Die Verteidigung hat – unbeschadet ihrer Kritik an den sachlichen Grundannahmen des Verfahrens und ihrer auf diese Kritik gestützten Freispruch-Verteidigung – die Hoffnung noch nicht völlig aufgegeben, dass die Schleswig-Holsteinische Justiz es am Ende darauf doch nicht ankommen lassen wird.

SMS-Chat Verfahren, LG Kiel 2009 – ?

Seit September 2009 (!) verteidigen die Partner Prof. Dr. Gubitz und Dr. Molkentin einen der Angeklagten im sogenannten SMS-Chat-Prozess (z.B. SPIEGEL ONLINE vom 14.9.09) vor dem Landgericht Kiel.

Den verbliebenen drei (ursprünglich sechs) Angeklagten wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug vorgeworfen. Sie sollen für verschiedene Firmen verantwortlich sein, die SMS-Chat-Dienste angeboten haben. Der Betrug soll darin liegen, dass angeblich Geschädigte jeweils 1,99 € für SMS ausgegeben haben, in der Hoffnung, einen Partner zu finden. Diese Chance soll aber nach der Anklage in Wirklichkeit gar nicht bestanden haben. Vielmehr sollen die Antworten von Personen geschrieben worden sein, die nicht an Beziehungen, sondern nur an Umsatz interessiert waren,  sog. Chat-Animateuren. Drei Beschuldigte befinden sich zu Beginn des Prozesses seit über 9 Monaten in Untersuchungshaft, bis zur Entlassung aus der Haft durch das Beschwerdegericht, also gegen den Willen der zuständigen Kammer des Landgerichts, vergehen über weitere 9 Monate. Die Staatsanwaltschaft Kiel beziffert den Gesamtschaden auf 46.217.332,- Euro bei einer Zahl von 700.718 Geschädigten. Die Verteidigung bestreitet die Richtigkeit der Annahmen der Staatsanwaltschaft und hegt starke Zweifel an der grundsätzlichen Strafbarkeit derartiger Angebote.

Eine eingehende journalistische Prozessberichterstattung zu den einzelnen Verhandlungstagen der ersten Jahre ist bei Kiel211 zu finden.

Auf dieser Seite weiter unten finden Sie eine fortlaufende Dokumentation wesentlicher Anträge und Erklärungen, sowie die dazu ergangenen Beschlüsse, teilweise kommentiert.

Stand Anfang 2016: 6 Jahre, 4 Monate Verfahren, über 380 Verhandlungstage.

Das Verfahren steckt in den Mühen der Ebene, man könnte auch sagen, es schleppt sich hin. Von drei angesetzten Terminen pro Woche finden manchmal zwei, manchmal einer und auch nicht selten keiner statt. Seit über einem Jahr wird nun eine angeblich Geschädigte vernommen. Ihre Angaben sind aufschlussreich und modellhaft für den Gegenstand der Anklage. Sie mag einen echten Partner gesucht haben, es drängt sich aber der Eindruck auf, dass ein bezahlter Animateur, der ihre SMS beantwortete, ihr immer noch lieber war als überhaupt kein Kontakt.

Früher: Am 3.12.2013, dem 300. Hauptverhandlungstag (zum Hintergrund und weiteren Informationen s.u.), wurde eine ehemalige Mitarbeiterin der Firmen Mintnet und TMP gehört. Sie berichtete u.a. davon, dass es Vorgaben für die Chatter gab, so beispielsweise das Alter der Kunden zu prüfen, um Sex-Dialoge mit Minderjährigen auszuschließen. Außerdem hätten die Chatter auf die Frage, ob sie „Animateure“ seien, wahrheitsgemäß mit „ja“ antworten sollen. Alles nicht uninteressant, aber ohne direkte Relevanz für den Tatvorwurf. Die bislang untersuchten Chatdialoge waren allesamt solche, die von Franchisenehmern geführt wurden. Die Zeugin berichtet aber von den Verhältnissen im Firmenkomplex Mintnet. Ob das Gericht bei seiner Befragung die Grenzen bewusst oder unbewusst verwischt, bleibt offen.

Der Verhandlungstag endete mit einer Anregung der Verteidigung, einmal wieder das Vorgehen der Staatsanwaltschaft in dieser Sache in den Blick zu nehmen: Immerhin wurde gegen diese Zeugin wegen ihrer angeblichen Beteiligung am Betrug zunächst ein Strafbefehl beantragt, der die vom Gesetz nicht vorgesehene Rechtsfolge einer vorbehaltenen Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung zum Inhalt haben sollte. § 59 StGB erlaubt aber nur, die Verhängung zu Geldstrafen (und auch nur bis zu 180 Tagessätzen) vorzubehalten, nicht jedoch zu Freiheitsstrafen. Zur Rechtsunkenntnis trat dann offensichtlich bei der Staatsanwaltschaft das Desinteresse: Auch der nächste Strafbefehlsantrag scheiterte, denn die eigentlich mögliche Verhängung einer vorbehaltenen Geldstrafe von 160 Tagessätzen sollte wegen des Vorwurfs der Beihilfe zu einem gemeinschaftlich begangenen gewerbsmäßigen Bandenbetrug  erfolgen. Der zuständige Richter wies die Staatsanwältin darauf hin, dass der Antrag wiederum unzulässig sei, da ein Strafbefehl nicht wegen eines Verbrechens verhängt werden könne, § 407 Abs. 1 StPO. Auch egal, den notwendigen Abstand zwischen Verbrechen und Vergehen stellt bei entsprechender Interessenlage ein bisschen Tipp-Ex schnell her: Auf der ersten Seite des Strafbefehls wurde das Wort „Bande“ weggeext, bei den angewendeten Vorschriften der entsprechende Absatz des § 263 StGB, ansonsten blieb der Inhalt des Strafbefehls völlig identisch (kein Scherz!). Weitere Ermittlungen hat es nicht gegeben. Die völlig andere Einschätzung fußt auf exakt demselben Akteninhalt. Als sei die rechtliche Bewertung, ob jemand als Mitglied einer Bande gehandelt hat oder nicht, völlig beliebig.

Bemerkenswert ist dann noch, dass im Strafbefehl ein „Gesamtvermögensschaden“ in Höhe von 46.217.332,00 € angenommen und die Rechtsfolge „Geldstrafe auf Bewährung“ verhängt wird .

In den ersten drei Jahren wurde oft dreimal, manchmal zweimal die Woche verhandelt. Mittlerweile ist die Frequenz deutlich geringer. Die Befragungen vieler „Geschädigter” machen überdeutlich, dass die Beweggründe für ihr Chatten vielfältig waren. Oft ergibt sich, dass Einsamkeit, Frustration, Langeweile und Neugier hinter dieser Form der Kommunikation steckte. Damit ist die Grundannahme der Anklage, tragendes Motiv sei stets gewesen, einen Partner kennen zu lernen, widerlegt. Die Vernehmungen ergeben dann auch, dass der Kontakt durchaus wertvoll für die Kunden war. Die Aussagen mittlerweile ebenfalls vernommener Franchisenehmer fördern weitere durchgreifende Zweifel an der Anklage zutage: Diese haben zu ganz verschiedenen Anbietern Vertragsbeziehungen unterhalten und völlig eigenständig Chat-Dienstleistungen ausgeführt. Auch die weitere Annahme der Anklage, es handele sich bei den Angeklagten um Drahtzieher, die die Franchisenehmer als ihre willfährigen „Werkzeuge“ eingesetzt haben, ist damit nicht mehr zu halten. Die Kammer gibt zu erkennen, dass sie dennoch in den Angeklagten Täter und in den Kunden durchweg Geschädigte sieht. Die entlastende Beweisaufnahme gerade auch der letzten Tage hat keine sichtbaren Auswirkungen auf die Überzeugung des Gerichts. Spontanäußerungen sämtlicher Berufsrichter zu entsprechenden Erklärungen der Verteidiger (im Rahmen von § 257 StPO) deuten eher auf eine Verfestigung der Fronten hin. So kann der Prozess noch Jahre dauern.

Die Chronologie:

Entscheidung der Generalstaatsanwaltschaft Bremen vom 10.11.2004 in einem parallel gelagerten Fall, in der das Anbieten moderierter Chats für straflos gehalten wird.

Antrag, noch vor Beginn des Prozesses, dem seit über sieben Monate in Haft befindlichen Mandanten zu gestatten, die über 20.000 Seiten umfassende Akte nicht in Papier- sondern in digitaler Form durcharbeiten zu können – 10.7.09.

Antrag nach Anklageerhebung, den Haftbefehl aufzuheben – 5.8.09.

Gemeinsame Presserklärung der Kieler Rechtsanwälte Gerald Goecke und Dr. Michael Gubitz – Reaktion auf die Presserklärung der Staatsanwaltschaft Kiel – 11.8.09.

Antrag auf Einstellung des Verfahrens gegen den Mandanten durch Urteil – 17.9.09

Antrag, auch dem Angeklagten selbst die Gelegenheit zu geben, die Chatprotokolle (91.000.000 Datensätze) einzusehen, bevor er sich zur Sache äußert – 21.9.09.

Antrag an das Gericht, auf die Ablösung einer der beiden Sitzungsvertreterinnen der Staatsanwaltschaft hinzuwirken – 24.9.09.

24.9.09: Zurückweisung des Einstellungsantrags vom 17.9.09.

Gemeinsame Presserklärung der Kieler Rechtsanwälte Gerald Goecke, Dr. Michael Gubitz, Dr. Wolf-Rüdiger Molkentin und Uwe Bartscher zum sog. SMS-Chat Verfahren – 24.9.09.

Antrag auf Aussetzung der Verfahrens gegen den Mandanten – 08.10.09.

Aussetzungsantrag, weil wesentliche Aktenbestandteile im Umfang von mehreren tausend Seiten bislang der Verteidigung nur unter Aufsicht bekannt gemacht werden und daher beantragt wird, diese erst zu fotokopieren und der Verteidigung danach Akteneinsicht zu gewähren – 8.10.09.

Gegenvorstellung vom 8.10.09 gegen die Zurückweisung des Antrags auf Einstellung des Verfahrens durch Urteil

Ablehnung der Berufsrichter wegen der Besorgnis der Befangenheit – 13.10.09.

Stellungnahme der Verteidigung zur dienstlichen Äußerung der abgelehnten Richter, 15.10.09.

Entscheidung über den Befangenheitsantrag vom 13.10.09 – 16.10.09.

Gemeinsame Presseerklärung der Kieler Rechtsanwälte Gerald Goecke, Dr. Michael Gubitz, Dr. Wolf-Rüdiger Molkentin, und Uwe Bartscher zum so genannten SMS-Chat-Verfahren – 14.12.2009.

Ablehnung des Sachverständigen M wegen der Besorgnis der Befangenheit – 15.12.09.

Beschwerde gegen den Beschluss des Landgerichts, mit dem die weiter Haftfortdauer auch nach über einem Jahr Untersuchungshaft angeordnet wurde – 6.1.10.

Das erste Urteil des Amtsgerichts Flensburg (vom 22.01.2010) in dieser Sache, mit welchem eine Mitarbeiterin wegen Beihilfe nach bereits einem kurzen Prozesstag zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Die Entscheidung beruht auf einem „Geständnis“ nach einer Absprache. Das damit ein Betrug zum Nachteil Abertausender Geschädigter und die Beihilfe zu einer Haupttat, deren Aufklärung bereits Monate in Anspruch nimmt, in wenigen Minuten geständnisfähig sein soll, wirft die Frage auf, ob es sich tatsächlich um ein rechtsstaatliches Verfahren gehandelt hat. Die verurteilte Mitarbeiterin wurde kurz danach vor dem Landgericht Kiel als Zeugin gehört. Sie hat wesentliche Teile ihres angeblichen Geständnisses nicht bestätigt.

Kurzes Schreiben an das Schleswig-Holsteinische Oberlandesgericht im Rahmen der seinerzeitigen Haftbeschwerde (8.2.2010) mit dem nachgewiesen wurde, dass die Konstruktion des Anklagevorwurfes als „uneigentliches Organisationsdelikt“ verfehlt ist.

Beschwerde vom 10.2.2010, um auch dem Angeklagten A. eine Einsicht in das Material zu ermöglichen, das vom Gericht nicht als „Akte“, sondern als „Asservate“ geführt wird.

Erklärung des Kammervorsitzenden vom 8.2.2010, in der nach Aufforderung durch das Oberlandesgericht im Rahmen der laufenden Haftbeschwerde plötzlich eine neue, angeblich bereits ohnehin geplante Terminierung angekündigt wird.

Stellungnahme der Verteidigung vom 12.2.2010 zur Erklärung des Kammervorsitzenden vom 8.2.2010.

Zwei weitere Urteile des Amtsgerichts Flensburg (vom 12.3.2010 und vom 19.4.2010) gegen zwei Franchisenehmer. Die Urteile gleichen einander auch dort aufs Wort, wo die konkreten Umstände voneinander abweichen. Wiederum ist verblüffend, wie leicht offenbar die Aufklärung am Amtsgericht fällt, obwohl das Landgericht bereits monatelang Beweise erhebt. Beide Franchisenehmer wurden auch vom Landgericht Kiel vernommen. Auch sie haben wesentliche Teile Ihres „Geständnisses“ nicht bestätigt.

Einstellung des gegen den Mitangeklagten H. geführten Verfahrens am 6.5.2010.

Beschluss der Kammer (18.5.2010) zur Vernehmung einer Zeugin, die entstanden ist, nachdem die Zeugin stundenlang grundlos von der Polizei festgehalten wurde.

Haftbeschwerde der Verteidigung vom 15.6.2010, nach der auf Anordnung des Oberlandesgerichts am 2.7.2010 nach einem Jahr und sieben Monaten gegen den Willen der Staatsanwaltschaft und des Landgerichts endlich aus der Untersuchungshaft entlassen worden ist.

Weitere (hoffentlich auch ohne die in Bezug genommene unsachliche Polemik der Sitzungsvertreterinnen der Staatsanwaltschaft verständliche) Stellungnahme der Verteidigung vom 30.06.2010im Rahmen der laufenden Haftbeschwerde.

Am 19.1.2011 hat der Vorsitzende Richter am Landgericht Döhring an den Leitenden Oberstaatsanwalt Schwab geschrieben und um Ablösung der Staatsanwältin Dr. Sch. vom Sitzungsdienst gebeten. In diesem Schreiben finden sich unter anderem folgende Gründe für seine Bitte: Hintergrund sei die schwierige Verhandlungsatmosphäre, die immer wieder durch eine feindselige Stimmung zwischen der Sitzungsvertreterin und einigen Verteidigern geprägt werde. Das Verhalten der Staatsanwältin sei aus Sicht der Kammer zwar nicht unzulässig. Es erschiene aber „als unverständlich und unangemessen“. Eine Presseerklärung der Verteidigung vom 24.1.2011 zu diesem höchst seltenen Vorgang in einer Hauptverhandlung findet sich hier.

Der Prozess zieht sich hin. Das Gericht hat die vollständigen Chatprotokolle im sogenannten Selbstleseverfahren eingeführt. Das bedeutet, dass alle Beteiligten mittlerweile zehntausende SMS gelesen haben (sollten). Das Gericht hat jeder und jedem sogenannten Geschädigten die Bestellung eines Zeugenbeistands angeboten; fast alle haben davon Gebrauch gemacht und erscheinen nun in Begleitung von Rechtsanwälten zur Vernehmung. Während das Gericht sich zunächst nur dafür interessiert hat, vom jeweiligen Zeugen einige Fakten abzufragen, die einen Zusammenhang zum Chatprotokoll sicherstellen, befragt die Verteidigung die Zeugen auch dazu, was sie sich bei den teils monatelangen Kontakten per SMS eigentlich vorgestellt haben. Das Gericht sieht den sich hiermit ergebenden Aufwand nicht zu Unrecht als kaum noch handhabbar an und versucht, das Fragerecht der Verteidigung zu beschneiden. So hat es hinsichtlich der Befragung einer Zeugin, die sehr umfangreich und teilweise parallel mit zwei Personen angeblich gleicher Identität SMS ausgetauscht hat, eine Darlegung des Beweisziels gefordert. Diese Darlegung hat die Verteidigung mit dem vorliegenden Dokument geliefert. Daraufhin hat das Gericht mitgeteilt, eine Einschränkung des Fragerechtes derzeit nicht mehr zu beabsichtigen.

Nachdem die Kammer auf die ausführliche Stellungnahme des Kollegen Dr. Molkentin mitteilt, das Fragerecht „zur Zeit nicht“ beschränken zu wollen, wird wegen der weiteren Ausführungen der Kammer noch diese Klarstellung von Dr. Molkentin verlesen.

20.4.2011: Aufhebung der Haftbefehle auf Antrag der Verteidigung und die Presseerklärung der Verteidigung hierzu.